stadtschreiben

Anlässlich des 800-Jahr-Jubiläums hat Eferding (OÖ) ein Literaturstipendium ausgeschrieben, von März bis Oktober bin ich Stadtschreiberin. Hier und auf Instagram (@stadt.schreiben) kann man mitverfolgen, was ich sehe und sammle, "Wannenbad" (entnommen einer Hausfassade/Stadtplatz) scheint mir ein guter Arbeitstitel zu sein. Die spätgotische Zwillingswendeltreppe (Stadtpfarrkirche) – welche Abzweigung nehmen – und wohin sie führt, ist wohl ebenso passend. Unter Blog stehen Fotos, Collagen, Erlebtes und Gedanken; Kurzprosa und Kürzeres sind nach und nach unter Texte zu finden. 

 

Marlene Gölz, März 2022 


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... oder Notizheft

Liebe Leute,

wegen dieser Veranstaltung wurde eine Gemeinderatssitzung verschoben, heißt es ;)

Herzliche Einladung zu Lesung und Gespräch am Donnerstag, 23. Juni, 19.30 im Eferdinger Gastzimmer in der Schmiedtstraße 11. Helmut Neundlinger moderiert, organisiert wird dieser Abend von der Stadt Eferding. Ich freu mich!

Anmeldung erbeten bei: katrin.fraueneder@eferding.at

Nähere Infos: www.gastzimmer.at

10. Juni 2022

 

Stichwort communale: Peter Grubmüller schreibt einen Artikel in den OÖ Nachrichten mit der Überschrift "Das bunte Kultur-Pflaster für Eferdings Wunde".

 

Vor Tagen meine Idee der "Reizwortkarten" auf Instagram (@stadt.schreiben) gepostet, eines dieser zehn Wörter ist #landesausstellung.

9. Juni 2022

 

Stadt, Land - das ist immer auch ein Politikum. Halb drinnen, halb draussen, hier ein wenig, da und dort, auch das ist, manchmal, #stadtschreiben. Heute fand die Pressekonferenz vom Land OÖ zur communale in Eferding statt. Danach Treffen mit der Kulturstadträtin in der bewährten Nische. Und schließlich das erste ÜbersetzungsApp Gespräch mit meinen ukrainischen Kurzzeit-Nachbarinnen. So war der Tag, heute.

1. Juni 2022

 

Men only. Endlich, über Umwege, die heiligen Räume eines Barber Shops betreten. Holz, Ziegel, Kuhfelle, Hörner an den Wänden, Pflege aus Jack Daniel's Flaschen und kein Wort zu viel wird hier geredet. Die Kunden reden auch nicht; nicht über Politik, nicht über Schulnoten, nicht über den Urlaub, nicht über die Hochzeit. Nicht mal, welchen Haarschnitt sie wollen. Die verstehen sich blind hier. Bart kostet extra.

31. Mai 2022

 

Stadtschreiberin-Privileg: an Orte zu kommen und Gruppen zu treffen, von denen andere in Eferding nicht mal wissen, dass es diese gibt. Letzten Sonntag: die Literaturrunde um Ingrid Neundlinger. Seit 20 Jahren wird monatlich ein Buch besprochen, diesmal: Die Biografie über Margaret Stonborough-Wittgenstein von Margret Greiner; dazu ausgewählte Musik wie ein katalanisches Volkslied, gespielt vom Cellisten Pau Casals (1876–1973): Song of the Birds, eine wunderschöne Friedenshymne, die sich alle gleich mal ergoogeln mögen, sowie Fotos des Haus Wittgenstein in Wien. Querverweise und Informationen rund ums jeweilige Buch – das kann auch bedeuten: Wege von Romanfiguren abzugehen, wie etwa die Franz Rieger Wanderung anlässlich der Lektüre von „Schattenschweigen oder Hartheim“. Das hat mich beeindruckt, diese Ernsthaftigkeit, mit der diskutiert wird und mit der sich Personen, die hauptsächlich das Gerne-Lesen verbindet, in ihrer Freizeit der Literatur widmen. Danke für die Einladung und die Anregungen, man kann sich viel mitnehmen hier, auch den Gedanken: Die Welt ist doch nicht verloren.

29. Mai 2022

 

Ende März erreichte mich diese Nachricht vom UFC Eferding:

„Liebe Marlene! Der UFC Eferding ist derzeit Tabellenführer und hat gute Chancen auf den Meisterschaftstitel. Anbei unser Spielplan mit den kommenden Heimspielen. Vielleicht findest du Zeit, von einem Spiel zu berichten. Würden uns sehr über deinen Besuch freuen!“

Ich freute mich auch, was für eine nette Einladung, dachte ich, schob meinen Besuch jedoch auf. Zum einen weil immer zu viel los war, zum anderen weil das Wetter schlecht war und dann noch dieser scheinbar banale aber entscheidende Grund: Ich konnte den Spielplan nicht lesen, verriet das aber niemandem. Was bedeutet RES und KM? Aber vor allem wie sehe ich, wo ein Spiel stattfindet, ob in Eferding oder auswärts? „Der, der als erster steht, da is es.“ (Man kann das nicht googeln, für solche Auskünfte braucht es Vertraute.) Und dann noch: „Da musst du aber aufpassen, in Eferding gibt es zwei Fußballplätze.“ Eh keine Fläche, diese Stadt, aber zwei Fußballplätze? Wieder nachgefragt. Und wie finde ich da hin? „Richtung Aschach.“ Wenn die wüssten, dachte ich, dass ich erst seit ein paar Monaten überhaupt wieder Auto fahre. Dass ich eine bin, die vorher wissen muss, wo sie parkt. Egal. Ich konnte alles in Erfahrung bringen, aber seitdem frage ich mich, wie viele für andere oft unsichtbare und gar nicht ausmalbare Schatten Menschen eigentlich davon abhalten, sich auf fremdes Terrain zu begeben – irgendwohin, wo sie sich nicht auskennen, wo sie eben nicht „daheim“ sind. Nicht weil sie nicht wollen, sondern weil sie aus irgendeinem Grund nicht können.

„Ihr seid`s die Schwarzen, oder?“ – „Nein, die Weißen.“ Aja. Falsche Frage. Ich bekam trotzdem Getränkemarkerl vom Stadionsprecher und setzte mich zu den Richtigen – die, die sich auskennen: „Heast, waunn i waß, der is so schnö, kau i den ruhig spün! Daunn spü i den!!“ – „Bewegung brauch ma!“ – „Spü eam!“ – „Des woa ka Eigentor, da Hofer woas!“ – „Und es trifft wieder: Unsere Nummer 7!!!“ So gings dahin, am Ende gewann der UFC Eferding 5:1 gegen Pucking. Am 12. Juni ist das nächste Heimspiel und zugleich das letzte Spiel – in Eferding, in der Maier-Stelzer-Arena (Richtung Aschach).

 

Noch mal herzlichen Dank für die Einladung, lieber UFC Eferding, es war cool, auch mitzuerleben, dass Fußball ähnlich einem Straßenfest wohl so etwas wie der Kitt für eine Gesellschaft ist. Vielleicht hat wer von euch Lust, am 23. Juni zu meiner Lesung ins Eferdinger Gastzimmer zu kommen. Mitten in der Stadt, Schmiedtstraße, und parken kann man beim Penny. 

12. Mai 2022

 

Letztes Wochenende fand hier ein Straßenfestival statt, mit verschiedenen Bands, Künstler*innen, Artist*innen … An unterschiedlichen Standorten hat sich alles verteilt, das Fest war gut besucht, aber es gab kein Gedränge. Kinder können hier nicht verlorengehen, ein wenig denkt man an Jahrmärkte aus der Umgebung von Lindgrens Bullerbü und Lönneberga. Freier Eintritt, die einen sitzen im Gastgarten, trinken Kaffee oder Prosecco, die anderen kaufen sich Limo und Bosna, sitzen auf Bierbänken oder stehen vor einer Bühne. Kein Programmpunkt muss hektisch einem anderen folgen, zumindest bekommt man das nicht mit. Wie selten es geworden ist, so ein unbeschwertes Nebeneinander, oder Miteinander. Man kann so etwas forcieren, als Stadt. Ein Angebot schaffen, an Kunst, Kultur und freien Flächen. Spielplätze, Spazierwege, ... Bald öffnet das Freibad ...

Der "Schandfleck" bekam übrigens ein neues Gesicht, die Stimmen nach einer Bretterwand dürften nun verstummen, und das Thema mit der fehlenden "Wilden Frau" hat sich auch erübrigt. Dem Sprayer war daran gelegen, wie er meinte, sie darzustellen. Auch als Gegengewicht, zu denen, die auf der großen politischen Bühne das Sagen haben.

4. Mai 2022

Grenzerfahrung sieht hier so aus:  wie mit dem Lineal gezogen, hier Stadt dort drüben Land.

Eferding hat eine Fläche von 2,81 km2 - die Insel ist also schnell umrundet.

(War da nicht mal was? Fusionierung mit den Nachbargemeinden? Doch sehr schnell ist dieses Wort außerhalb des Stadtgebietes auf meiner Liste mit den haglichen Wörtern gelandet.)

1. Mai 2022

 

Der Geschirrspüler läuft, das Fenster ist offen. Vom nahen Marktplatz höre ich Marschmusik. Tag der Arbeit, in meinem türkis regierten Ort. Maiblasen, vielleicht ist das heute. Zieht euch schnell an, rief die Mutter früher. Dann sind wir zum Fenster oder an die Straße, um zu sehen wie sie vorbeimarschieren, die Musikanten. Maibäume werden aufgestellt und bewacht, das Kind fragt, ob es heuer wieder Maibaumkraxeln darf. Dann kommt man neben Menschen in Lederhosen oder weißen Jeans zu sitzen. Die Sonne brennt herunter, immer wird irgendjemand nicht geschützt, vom Brauereischirm. Die Unterhaltungen sind freundlich oder finden gar nicht erst statt. Wen man nicht sehen will, zu dem schaut man nicht hin. Die Landjugend verkauft Bratwürstel und Pommes, man trinkt Kracherl aus dünnen Plastikstrohhälmen oder von Beginn an zu viel Bier. Den Tag kann ich schmeißen, sagt man am frühen Nachmittag, und am Abend: Das hätt ich mir sparen können. Doch das Kind bringt einen Pokal mit nach Hause. Und die Gaudi, und die Leut und die ein oder andre G`schicht, und der hat das gesagt und hast du die gesehn? So ist das, manchmal, im Mai aufm Land. In Eferding wird es nicht viel anders sein. 

Ein „Prachtexemplar von einem Maibaum“ hätten sie bekommen, von der Stadt Eferding, so der Linzer Bürgermeister. Ich zitiere, aus der Tips, einen fast historisch anmutenden Beitrag: „Die 45 Jahre alte Fichte, die von Thomas Holzinger vom Zehetnergut Alkoven gespendet wurde, trifft bereits zur Mittagszeit des Samstags, 30. April 2022, in Linz ein, und wird auf dem Gelände des Volksgartens geschmückt. Anschließend wird der Maibaum durch die Landstraße zum Hauptplatz transportiert, wo er von Männern der „Eferdinger Schaunburgteufeln“ händisch aufgestellt wird. Um 17 Uhr erfolgt die offizielle Übergabe des Baums durch den Eferdinger Bürgermeister Christian Penn an Bürgermeister Klaus Luger.“ Die Schaunburgteufel, die kommen mir sonst nur beim Krampuslauf unter. Die will ich auch noch kennenlernen.

28. April 2022

 

Jemand zeigt mir eine Nische, und in der versumpfen wir. Aus „auf einen Kaffee“ wird eine lange Bestellliste. Vielleicht ließe sich hier Kaffeehausschreiben. Aber mein Arbeitszimmer ist gleich ums Eck. „Eferding ist ein Dorf.“ Da kommen einem so verborgene Winkel recht, die man alleine oft gar nicht entdeckt. Genau wie die schmalste Gasse Eferdings, wer kennt die schon. Zurück in dieser Wohnung, ist es so ungewöhnlich ruhig, dass ich nur für diese Ruhe schon dankbar bin, die ich mir „erstadtschreibe“. Manchmal schließen sich dann Kreise zu einem Leben, das man mal hatte. Und dann vermisse ich diese eine Stadt so sehr, wie man sonst nur einen Menschen vermissen kann. Aber vielleicht hab ich, wie wohl andere auch, zu viel Austro Pop gehört in den letzten Tagen; das macht sentimental.

„Wenn ich in den Garten geh und mir einen Schnittlauch abschneide, dann ist das das Allerschönste für mich“, sagte vorhin im Café eine mir unbekannte Frau, die mit den angeblich meisten Märzenbechern in der Stadt. „Bald kommen die Pfingstrosen“, die hätte sie fast noch lieber und sie kam so ins Schwärmen, dass ich mir dachte, ich brauch auch Blumen. „Pflanzen sind mein Leben. Ich hab gar keine Zeit für eine Depression“, sagte sie dann auch noch. Solche Kaffeehausbegegnungen hat man in Wien nicht.

26. April 2022

 

Es fährt auch ein Bus … durch den Regen ist das im Bus Sitzen wie zu Schulzeiten. Heute kalt, und trostlos. Im Unterstand, in Schwarz auf Rot, eine Botschaft, die man kaum sieht: NO WAR und ein Peace-Symbol darunter. 

Auch nachts fährt ein Bus, über die Donaulände in Linz, nach Eferding und weiter. Kein Schulbus, sondern der VOEST-Schichtbus, in dem die erste Reihe für Bierkisten reserviert ist. Dunkel ist es dann, ein blauer Schimmer hüllt uns ein. Zwei, drei Lämpchen leuchten über einem Sitzplatz, und wenige Handydisplays lassen Gesichter erahnen. Jeder Arbeiter hat wohl seinen fixen Sitzplatz. Weiter vorne eher, und nicht zu weit voneinander entfernt, gerade so, dass sie, wenn sie wollen, miteinander reden können. Manche schauen aus dem Fenster. Der Busfahrer, oft ist es auch eine Fahrerin, sagt: Grias di und Pfiati. Und: Wo wüst denn steh bleibm. Man verabschiedet sich, mit einem Gute Nacht und Kumm guad ham.

20. April 2022

 

Wenn es heißt Schienenersatzverkehr, dann ist die Gleis- und Weichenstopfmaschine nicht weit. Das ist dieser Zug von der Bahnbau Wels auf den Eferdinger Bahnhofsgleisen. Dass er in den Ukrainefarben gehalten ist, ich frage nach, ist Zufall, das war schon bevor uns diese Farben so vertraut waren, der Fall. Aber neu lackiert sieht er aus. Meine Gedanken, die um den Zustand der Welt kreisen, folgen den Schienen.

Die Ukraine ist einer der größten Weizenexporteure der Welt, das ukrainische Ackerland entspricht gut einem Viertel der Flächen, die es in der gesamten EU gibt. Der Transport über den direkten Seeweg aus Odessa, Mariupol und anderen wichtigen Häfen ist allerdings versperrt. Im Verkehrsbereich macht man sich nun Gedanken über alternative Transportwege, Lkw fallen aufgrund der Mengen weitgehend aus. Das Getreide könnte über den Landweg per Zug nach Rumänien gebracht und dort verschifft werden, über das Schwarze Meer. Doch die Eisenbahnschienen auf der Welt haben verschiedene Spurweiten. Es gibt ein Standardmaß in Europa, hier Normalspur genannt, und die Breitspur, das Standardmaß der früheren Sowjetunion, auf dem in deren Nachfolgestaaten wie der Ukraine noch heute gefahren wird. Kurze Zugstrecken in Rumänien sollen nun erneuert werden, damit zumindest theoretisch der Export von Getreide, von dem vor allem die ärmeren Länder in Afrika und dem Nahen Osten abhängig sind, weiterhin möglich ist. Daran arbeiten manche Menschen aktuell, an diesen Spuren und dass sie kompatibel sind - während in der Ukraine Felder brachliegen und bombardiert werden. 

18. April 2022

 

Stadtpfarrkirche. Unscheinbar, die niedrige Tür, die man kaum öffnen mag ohne sich umzublicken. Niemand hier. Kalte Steinwände, ein finsterer Gang. Gemeinsame Stufen, sich trennende Wege. Einmal im Kreis, führen sie wieder und wieder zusammen.

Die Zwillingswendeltreppe, 1505 erbaut, führt zur Orgelempore. Aber es ist im Grunde egal, wo sie hinführt, man geht sie um ihrer selbst willen. Allein oder zu zweit. Wenn man endlich verstanden hat, wie sie konstruiert ist – zwei gegenläufige Wendeltreppen, die ineinander greifen – bleibt die Frage, weshalb der Zweck dieser Treppe, irgendwohin zu gelangen, nicht einfacher erfüllt worden ist. Denn mit dem Auftrag spiritueller Erbauung hat das ja wohl nichts zu tun, dafür waren doch die hohen Hallen da, die Gewölbe, Glasfenster, Skulpturen und Gemälde. Zumal diese Treppe niemand sieht. Eine im letzten Winkel verborgene, schmucklose Spielerei?

Ich lese mich ein wenig ein. Die Eferdinger Stadtpfarrkirche wurde 1451–1505 errichtet, eine dreischiffige Staffelhalle mit Netzrippengewölbe, sie ist dem Hl. Hippolyt (den nun wirklich niemand kennt) geweiht. Die Bevölkerung habe bei der Fertigstellung der Treppe mitgeholfen, Knechte und Mägde hätten ihr Jahresgehalt gegeben dafür. Ich komme zum Schluss, ich will keine Antworten auf dieses Kunstwerk. Architektur gewordene Empfindung reicht völlig.

 

(Es gibt auch einen Lichtschalter, aber ohne ist besser.)

13. April 2022

 

Die Sonne scheint, ich habe Besuch. Wir sitzen am Stadtplatz als wären wir auf Urlaub. Trinken Kaffee und essen Eis, am Abend haben wir rote Gesichter. Aus der Zeit und aus dem Leben gefallene zwei Stunden. Ich lasse die schmucken Fassaden Fassaden sein, den Schlossgarten Schlossgarten. Vor manchen Geschäften hängen Kleider aus dünnem Stoff. Aus einem offenen Lieferwagen dringt Musik. Wie ruhig es sonst immer ist, in dieser Stadt, in der alles seine Ordnung zu haben scheint. Die Leute sind frisiert und höflich und tragen saubere weiße Sneakers. Sie gehen ihren Dingen nach, auch wenn sie im Café sitzen, wirken sie geschäftig.

"Hobts in Osterhosn scho gseng?" keift uns auf der Straße dann jemand an, der aus der Reihe fällt. Mit seinem Stock macht er uns Beine. "Weu do herin finds`n ned. Do miassts in d`Schoatn, in Woid, do segts`n, in Osterhosn. Husch husch, verschwindts!" Die Kinder lachen. Der Osterhase. Die Kirschbäume, die Natur, das alles liegt außerhalb der Stadtmauer, die sich wie ein unsichtbarer Ring noch immer um diesen Kern spannt. Vielleicht ist es diese Diskrepanz, die das hier interessant macht, dieser Stolz, dieses Stadt-Land Ding, ... das Dazwischen, diese Spannung, auf allerengstem Raum.

11. April 2022

 

Worum`s hier eigentlich geht:

Ich bin bei einer Veranstaltung. Als der ortsfremde Vortragende den Abend eröffnet mit den Worten, wie angetan er sei angesichts des schmucken Städtchens Eferding, das offenbar viel zu bieten habe, geht ein Raunen, Seufzen und Sesselrücken durch den Raum, und ich weiß auch schon, was jetzt kommt: Der „Schandfleck“. „Ja, sogar eine Ruine haben wir, mitten in der Stadt“, ruft eine Frau aus dem Publikum, das Lob korrigierend. Es klingt nach: Ja, es könnte alles so schön sein, wenn nur nicht … die Ruine …

Gemeint ist der ehemalige Stadtsaal, ein Areal, das vor vielen Jahren von der Stadtgemeinde veräußert wurde und vom Käufer belebt hätte werden sollen/müssen – darüber ist ein Rechtsstreit entbrannt – jedoch seit Jahren verfällt, und zwar ausgerechnet neben dem „Schmuckstück“, dem Schloss, in dem ein, so wird er von den meisten, Republik hin oder her, genannt: „Fürst“ wohnt. Zur Hochzeit der Tochter des Fürsten wurde der Schandfleck offenbar verhüllt, nun wird regelmäßig die Frage gestellt, was die Stadt denn zur 800-Jahrfeier damit anstellen wird. Bretterwand? 

Man kann das alles nachlesen, in regionalen Zeitungsberichten, Gerichtsakten und Leserbriefen, und erfragen. Nichts eint die Eferdinger Bevölkerung so sehr wie die Empörung über den Schandfleck oder wie es dazu kommen konnte, zumal das Areal beliebter Treffpunkt gewesen ist bevor das kulturelle Geschehen (warum?) ins Bräuhaus, das außerhalb der alten Stadtmauern liegt, verlagert wurde ... Es ist kompliziert. Jedenfalls gibt es nach der letzten Rechtsstreitetappe zwischen Stadtgemeinde und dem Käufer nun zumindest wieder einen Weg, zwischen Schandfleck und Schmuckstück, zwischen Stadt- und Kirchenplatz. 

2. April 2022

 

Es wird wieder kälter. Hinter mir der "Beschützer" Eferdings, der "Wilde Mann". Vor Jahren hieß es, man wolle dem Wilden Mann eine Wilde Frau "zur Seite stellen". Man könnte die Sage ganz schnell auf den Kopf stellen und umschreiben, denke ich, aber das wird ja ohnehin mal jemand machen.

 

Hier die Sage vom Wilden Mann von Eferding

 

Vor langer Zeit belagerte umherziehendes Kriegsvolk die Stadt Eferding. Langsam gingen die Lebensmittel in der Stadt zu Ende, die Not wurde von Tag zu Tag größer. Bis die Stadtväter beschlossen, dem Feind die Tore zu öffnen.

In Eferding lebte damals ein Schneider, der wegen seiner Klugheit und vor allem wegen seiner lustigen Späße weitum bekannt war. Dieser trat vor den Stadtrat und sprach: „Wartet noch einen Tag! Ich will versuchen, die Feinde mit List zu verjagen.“ Die Stadtväter waren einverstanden.

Der Schneider ließ lange Stangen und einen Haufen Stroh bringen und fertigte daraus mit seinen Gesellen eine riesige Puppe. Mit Fellen bekleidet erhielt sie ein Furcht erregendes Aussehen. Wie ein ungeheurer Riese lag die Strohpuppe da! Lange, verfilzte Haare hingen wild über die Stirn, und an dem Haupt saßen zwei mächtige Hörner. Beim Schaunbergertor hat man inzwischen eine Vorrichtung zum Aufziehen der Puppe aufgestellt.

Es dämmerte schon, als man den Wilden Mann zur Stadtmauer brachte. Die ganze Stadt war auf den Beinen, um bei diesem letzten Rettungsversuch dabei zu sein. Mit mitgebrachten Trommeln, Blechkübeln, eisernen Töpfen, Blasinstrumenten und Schlägeln aller Art erzeugte man auf Kommando des Schneiders einen ungeheuren Lärm.

Als nun die Dämmerung die schreckliche Gestalt, der Wilde Mann, über die Stadtmauer gehalten wurde, glaubten die Feinde ihre letzte Stunde habe geschlagen. Hals über Kopf verließen sie ihr Lager und ließen alles zurück, was sie geraubt hatten. Großer Jubel brach aus, als kein Feind mehr zu sehen war. Die ausgehungerte Volksmenge strömte aus den Toren. Endlich konnten sie sich wieder alle satt essen.

Der Wilde Mann selbst trägt heute noch das Wappen der Stadt Eferding in seinen Händen.

 

...aus „Geschichten aus den Gemeinden Eferdings“, hrsg. vom Kulturverein Heimatbund Eferding

29. März 2022

 

„Gurkerl" ist das in meinem Umfeld am häufigsten genannte Stichwort auf die Frage nach Assoziationen zu Eferding. (Es folgen u. a. Cremeschnitte, Eis und Wurstmayonnaise.) Das Eferdinger Becken, eine fruchtbare Ebene an der Donau westlich von Linz, ist besonders für seinen Gemüseanbau bekannt, die Efko, Eferdinger Konserven, kennt man weit über die Bezirksgrenzen hinaus. Die Geschichte der Konserve geht wohl auf Napoleon zurück, der die Verpflegung seiner Truppen sichergestellt haben wollte. Ich weiß das, weil ich seit der Sache mit Eferding im Gurkerl-Algorithmus gefangen bin und Gurkenglas-Tattoos etc. vorgeschlagen bekomme. Vor einiger Zeit kursierte diese Meldung auf Twitter:

 

In Kyiv a woman knocked down a Russian drone from a balcony with a jar of cucumbers. How did they expect to occupy this country? 

 

Es sei dahingestellt, ob die Erzählung über Oma Elena, die ein Glas Gurken nach einer russischen Drohne geworfen und diese so vom Himmel geholt haben soll, wahr ist oder nicht, das Gurkenglas hat Potenzial, es wird mich noch beschäftigen. Denn das Gurkenglas ist viel mehr als ein Gurkenglas, darin kommt einiges an Themen zusammen. 

14. März 2022

 

Touristin in einer vertrauten Stadt.

 

Die Zunge bewegt sich; spätgotisches Schmiedeeisenportal, Stadtpfarrkirche; Ich suche diese verrückte Zwillingswendeltreppe, das Herz dieser Stadt. Wenig später schreibe ich eine Geschichte.

12. März 2022

 

Spiegelung; Eferding hat viele Gesichter, das offizielle: renovierte Fassaden.

 

PEACE FOR UKRAINE. Friedenskundgebung am Stadtplatz.

Ungeachtet des Krieges und des Putin-Regimes wird hier an manchen Sonntagen gegen die (österreichische) "Diktatur" spaziert, mittendrin weiß-blau-rote Fähnchen. Mich interessieren die Spannungen und es zerreisst mich fast. 

 

Seit wenigen Tagen gibt es in Eferding ein Erstaufnahmezentrum für schutzbedürftige Personen aus der Ukraine; Als dem Bürgermeister privat gedankt wird, sagt er: "Es war nur eine Unterschrift." Ja, aber es war eine Unterschrift. Ich bin froh, in einer Stadt gelandet zu sein, die so agiert. Nicht selten male ich mir aus, es wäre anders. Wär nicht abwegig, zumal in dieser Gegend. 

04. März 2022

 

Jeden Morgen der Blick auf das Handy, um zu sehen ob die Welt noch steht.

 

Ein Atomkraftwerk brennt. Was für ein Irrsinn.

 

Die Fragen der Kinder ... Mir ist danach, den Globus zu verstecken.

 

Die OÖ Nachrichten titeln: Das Zittern um die Eferdinger Gurkerl.

 

Dieses grausame Nebeneinander von Nachrichten.

1. März 2022

 

Im Februar noch hatte ich im Sinn, ein Foto zu posten, ein Schild vor strahlend blauem Himmel: Tanzcafé Aufwind. Keine Ahnung, was dieses Café ist oder kann, ich war da noch nie, aber das Bild, dachte ich, könnte ein gutes Omen sein, nach zwei trüben Corona-Jahren. Aufwind, Rückenwind, Frühling. Bald aber spitzte sich der Ukrainekonflikt zu, innerhalb weniger Tage dann Krieg, der in Russland nicht Krieg genannt werden darf. Über alles legt sich dieser Schleier von Traurigkeit, und die Welt gestaltet sich neu.

 

Diese Zeichnung stammt vom ukrainischen Dichter Nazar Hončar (1964–2009). Er war Stadtschreiber in Graz und manchmal zu Besuch. Ich lese seit langem wieder seine Gedichte. "Lemberg", "Dichter, "Stadtschreiber", das waren immer große Worte für mich, vor 15, 20 Jahren, aber auch heute noch. Doch wenn ich mich erinnere, scheint selbst diese Erinnerung nicht der richtige Umgang zu sein. Dann denke ich, ich seh sie mir gerne an, diese ungebrochene zarte Linie, es kann nichts falsch daran sein; Meine Fotos, die in diesen Tagen entstehen, erscheinen mir wie zufällig daran gebunden. Nie bin ich sonst auf der Suche nach Ornamenten.

22. Februar 2022

 

Es geht los und das ist meine Wegstrecke. "Eferding" ist Stadt, aber auch Bezirk und in seiner Begrifflichkeit und den Assoziationsketten nicht von Umland und Gemüseanbau zu trennen. Hunderte Male schon bin ich diese Strecke gefahren, hier bin ich zuhause. Über die LILO, Linzer Lokalbahn, auch mal "Eferdinger Bahn" genannt, bald mehr ... bzw. immer wieder, hin und zurück.

 

In Eferding erwartet mich ein Arbeitszimmer mitten in der Stadt.